Kinästhetik: Wie Bewegung gemeinsam funktioniert

Ab 75 Jahren steigt das Risiko stark an, ein Pflegefall zu werden. Das belegen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Senioren, deren Kräfte abnehmen, fühlen sich eingeschränkt. Zuerst lässt die Fitness nach, dann breitet sich das Gefühl hilflos zu sein aus. Um dem entgegenzuwirken, können Pflegekräfte Bewohner anleiten, sich selbst zu mobilisieren. Das gelingt mit Kinästhetik, die Bewegungstechnik zielt darauf, dass sich Senioren aktiv und selbstbestimmt bewegen können.

Kinästhetik – Was ist das?

Der Begriff Kinästhetik leitet sich von den altgriechischen Wörtern für „(sich) bewegen“ und „Wahrnehmung“ ab. Kinästhetik-Begründer Frank Hatch sagt: „Kinästhetik ist das Studium der Bewegung und der Wahrnehmung, die wiederum aus der Bewegung entsteht – sie ist die Lehre von der Bewegungsempfindung.“

Pflegerinnen wenden die Methode an, damit sie sich selbst und die Pflegebedürftigen fließend und kräfteschonend bewegen können. Ein sogenannter Bewegungsdialog tritt ein, wenn zwei Personen miteinander agieren und sich einander anpassen. Kinästhetik in der Altenpflege verfolgt zusätzlich das Ziel, Senioren durch abgestimmte Bewegungen zu mobilisieren. Dadurch werden sie zu aktiven Teilnehmern der Aktivität.

So können Fachkräfte Kinästhetik umsetzen

  1. Bewegungsaktivität unterteilen

Kinästhetik gliedert Aktivitäten, wie Umsetzen oder Aufstehen, in Teile. Dahinter steckt die Idee, dass sich Gliedmaße einzeln bewegen und verlagern lassen. Das entlastet Bewohner und Pflegekraft.

Beispiele:

  • Wenn ein Pfleger einer Heimbewohnerin beim Umsetzen assistiert, kann er die Bewegung in kleine Abschnitte teilen. Die Seniorin bewegt zunächst ihren Unterschenkel, dann ihren Oberschenkel usw.
  • Das Aufstehen am Morgen: Einige Senioren liegen nach vielen Stunden im Bett steif da. Hier kann es helfen, wenn die Pflegekraft den Gepflegten für das Aufstehen vorbereitet. Das geschieht, indem sie mit ihm einzelne Körperpartien zuvor bewegt. Der Senior kann im Bett etwa seine Beine an- und abwinkeln oder den Kopf hin und her bewegen.

Grundsätzlich signalisieren Größe und Form eines zu bewegenden Teils, welche Bewegung angebracht ist. Das ist auch der Grund, weswegen wir zum Beispiel Gymnastikbälle rollen, wenn wir sie bewegen möchten. Eckige Gegenstände, wie Umzugskartons, lassen sich hingegen nur schwer rollen. Intuitiv würden wir diese daher schieben. Dieses Prinzip lässt sich auch beim Pflegen anwenden. Jede Bewegung der Senioren sollte an die Körperpartie, die es zu bewegen gilt, angepasst sein.

2. Angepasst bewegen

Beispiel:

  • Beim Umsetzen rollt der Bewohner seine Hüfte durch eine fließende Bewegung besser, statt sie zu schieben.
  • Wenn eine im Bett liegende Seniorin sich weiter nach oben schieben möchte, kann das oft nur mühevoll durch Rollen geschehen. Hier bietet es sich an, dass sich die Bewohnerin in unterteilten, ruckartigen Bewegungen mobilisiert.

3. Bewegungsdialog

Interagieren zwischen Berührung und Bewegung ist ein wesentlicher Bestandteil der Kinästhetik. Sie nutzt beide Partner – also Pflegenden sowie Gepflegten – um die gegenseitige Mobilität zu unterstützen. Wenn sich beide aneinander anpassen, kann eine flüssigere Bewegung stattfinden. So kommt es durch das wechselseitige Reagieren zu einem Bewegungsdialog. Das Ziel bleibt dasselbe: Mit möglichst geringem Kraftaufwand zusammen bewegen.

Beispiel:

  • Möchte der Heimbewohner vom Stuhl aufstehen, kann die Pflegekraft mit ihrer Schulter unter seine greifen. Durch den Zug richtet sich der Senior auf und beide Partner tragen ihren Teil zur Aktivität bei.
  • Hilft die Pflegekraft dem im Bett sitzenden Senioren durch das Hand geben aus dem Bett, so entsteht eine zugartige Bewegung, die beide Partner beansprucht.

4. Führen und Folgen

Kinästhetik ist ein Wechselspiel. Menschen können Mobilität entwickeln, wenn sie der Bewegung anderer folgen. Im Idealfall lässt sich nicht sagen, wer führt und wer folgt. Der Pflegende kann für jeden Heimbewohner individuell entscheiden, welche Hilfe er anbietet und inwiefern er führt oder folgt.

Beispiel:

  • Auf ängstliche Bewohner kann die Pflegekraft eingehen, indem sie sagt, welche Bewegung der Senior ausführen soll. Dabei kann er mehr Führung übernehmen und sicherstellen, dass sie die Aktivität unterteilen und achtsam macht.
  • Einige Senioren hingegen sind sehr reaktionsfreudig und wünschen, selber mehr anzupacken. Auch hier kann die Pflegekraft einen passenden Ausgleich schaffen und auf den Senior eingehen.

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