Trommelkreis

Musik erreicht Menschen oft dort, wo Worte nicht mehr ausreichen. Gerade im Pflegealltag – vor allem in der Betreuung von Menschen mit Demenz – stoßen klassische Kommunikationsformen an Grenzen. Niedrigschwellige, gemeinschaftliche Aktivitäten können hier eine Brücke schlagen. Ein Beispiel dafür ist der Trommelkreis: eine einfache, aber wirkungsvolle Methode, die Aktivierung, Gemeinschaft und emotionale Stabilität miteinander verbindet.

Wenn Kommunikation und Aktivierung schwieriger werden

In vielen Pflegeeinrichtungen leben Menschen mit zunehmenden kognitiven Einschränkungen, sozialem Rückzug oder emotionaler Anspannung. Besonders bei Demenz gehen sprachliche Fähigkeiten häufig schrittweise verloren. Gleichzeitig sind Pflegekräfte im Alltag stark belastet und haben nur begrenzte Zeit für individuelle Aktivierungsangebote.

Wenn Kommunikation und Aktivierung schwieriger werden, steigt das Risiko von Unruhe, Rückzug oder depressiver Stimmung bei Bewohnerinnen und Bewohnern. Für Pflegekräfte bedeutet das einen erhöhten Betreuungsaufwand. Gleichzeitig fehlen oft niedrigschwellige Angebote, die ohne großen organisatorischen Aufwand umgesetzt werden können. Dies kann eine geringere soziale Teilhabe der Bewohner, weniger Aktivierung von Körper und Geist, steigender emotionaler Unterstützungsbedarf sowie eine zusätzliche Belastung für das Pflegepersonal verursachen.

Trommelkreis als Gruppenaktivität

Hier setzen musik- und rhythmusbasierte Angebote an. Ein Trommelkreis ist eine einfache Gruppenaktivität, bei der Teilnehmende gemeinsam Rhythmusinstrumente spielen. Und so läuft er ab, der Drum Circle:

Wenn die ersten Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Raum betreten, ist der Drum Circle bereits im Gange – zumindest im übertragenen Sinn. Ricarda Raabe, Sozialarbeiterin und ehemalige Altenpflegerin, begrüßt jede Person einzeln an der Tür, begleitet sie zum Platz und schafft damit einen Moment der persönlichen Zuwendung. „Ich bin Gastgeberin“, sagt sie. „Ich möchte, dass sich die Menschen sicher fühlen und den Mut finden, den ersten Schlag zu machen.“ Eine Bewohnerin beschreibt die Wirkung so: „Wenn sie mich so empfängt, bin ich sofort ruhiger.“

Ein Kreis, der Sicherheit gibt

Der Raum im Seniorenheim ist vorbereitet, bevor die erste Trommel erklingt: ein weiter Kreis aus Stühlen, Platz für Rollstühle, auf jedem Platz ein Instrument. Trommeln, Rasseln, Klanghölzer – vieles wird zunächst vorsichtig erkundet. „Man sieht, wie die Anspannung abfällt“, berichtet eine Pflegekraft. „Die Bewohner merken schnell: Hier kann ich nichts falsch machen.“

Sobald alle sitzen, tritt die Trainerin in die Mitte des Kreises. Mit ruhigen Gesten gibt sie das Tempo vor, beobachtet die Gruppe aufmerksam: Wer schaut neugierig? Wer hält sich zurück? Wer möchte sich einfach nur von der Stimmung im Trommelkreis tragen lassen? Mit kleinen Impulsen führt sie die Teilnehmenden zusammen – ein gemeinsamer Grundschlag, ein Blickkontakt, ein Lächeln.

Trommelkreis auch bei kaum verbaler Kommunikation

Sobald sich ein gemeinsamer Rhythmus bildet, verändert sich auch die Atmosphäre. Viele richten sich auf, Schultern entspannen sich, manche stimmen Laute mit ein. „Es entsteht ein Moment, in dem alle miteinander verbunden sind – ohne Worte“, sagt Raabe. Pflegekräfte berichten regelmäßig von einer positiven Wirkung: wacherer Blick, gelöstere Stimmung, spürbare Aktivierung. Teilnehmende reagieren aufeinander, nehmen kleinste Signale wahr – und die Gruppe wirkt lebendig.

Trommelkreise erreichen auch Menschen, die verbal kaum noch kommunizieren. Der Rhythmus bietet Orientierung, wiederkehrende Schläge schaffen Halt. Häufig beginnen Teilnehmende spontan zu klopfen, zu summen oder leicht mitzuschwingen. „Beim Trommeln aktivieren wir Menschen, die sonst kaum reagieren“, sagt eine Pflegekraft. Ein Beispiel dafür ist eine 102-jährige Bewohnerin, die kürzlich erstmals teilnahm – zunächst zurückhaltend, dann mit leisen, aber klaren Schlägen. „Für musikalische Früherziehung ist man nie zu alt“, kommentiert Raabe schmunzelnd.

Fünf Schritte für den Start in den Trommelkreis

Viele Pflegeeinrichtungen lassen sich zunächst anleiten und führen anschließend eigene Runden durch. Die Voraussetzungen sind schlicht: ein Raum, ein Stuhlkreis, einfache Instrumente. Entscheidend sei die Haltung, sagt Raabe: wertschätzend, einladend, ohne Leistungsdruck. Wenn Leitung und Team das Angebot unterstützen, entstehe schnell eine tragfähige Struktur.

Mit fünf einfachen Schritten lässt sich dabei leicht in den Trommelkreis starten:

  1. Ein Schlaginstrument pro Person
  2. Mit einem ruhigen Grundschlag beginnen
  3. Impulse aus der Gruppe aufnehmen
  4. Zwei kurze Pausen einlegen – auch Stille gehört dazu
  5. Mit einem gemeinsamen Schlag enden

Auch Angehörige, Nachbarn und Mitarbeitende sind willkommen. „Weil es einfach Freude macht“, sagt Raabe – und weil ein gemeinsamer Rhythmus Menschen auf besondere Weise miteinander verbindet.

Foto: René Schwerdtel

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