Leben mit Demenz

Demenz ist als Krankheitsbild nur sehr schwer greifbar, denn Ursache und Verlauf sind vielfältig und verschieden. Nur eines ist sicher: Ist die Diagnose Demenz einmal gestellt, gibt es kein Zurück mehr. Diese Unvermeidbarkeit ist eine große Belastung für Betroffene und Betreuer. Die besondere Herausforderung im Pflegealltag liegt also nicht in der Heilung, sondern vielmehr in der physischen und psychischen Linderung der Symptome. Wir sprachen mit Sören Stein, Pflegeheim St. Raphael, Wickede über die tägliche Arbeit mit dementen Bewohnern:

Was sind die Hauptunterschiede zwischen den Bewohnern, die bereits mit Demenz leben und die Menschen, die nicht dement sind, wenn es um die Pflege geht?

Menschen mit Demenz wissen nicht, wie, wie sie ihren Alltag organisieren sollen. Sie sind nicht in der Lage, zu strukturieren, zu organisieren und die Aufgaben des täglichen Lebens zu bewältigen. Nach deutschem Recht, müssen diese Menschen mit sogenannter Aktiver Pflege unterstützt werden. Aktive Pflege bedeutet, dass wir sie so viel wie nötig unterstützen, aber gleichzeitig sicherstellen, dass wir sie nicht zu sehr unterstützen, um zu gewährleisten, dass sie ihre letzte Unabhängigkeit nicht verlieren. Menschen mit Demenz können oft den richtigen Gegenstand nicht identifizieren. Eine Person mit Demenz würde zum Beispiel versuchen, die Zahnbürste zu benutzen, um sich die Haare zu kämmen. Deshalb muss eine Betreuungsperson, solche Aktivitäten überwachen, und den Patienten, falls nötig, korrigieren und sich dazu um die Dinge kümmern, die der Patient nicht mehr tut.

Wie kommunizieren Sie mit dementen Menschen mit Demenz?

Nach einer Weile können wir die Gefühlswelt eines Bewohners einordnen. Wenn er uns beschuldigt und beschimpft, sind wir uns bewusst, dass der Bewohner nur seine Gefühle ausdrücken möchte. In den verschiedenen Stadien der Krankheit kann zudem die Sprachfähigkeit reduziert sein. Meist ist es dann so, dass der Bewohner sich nur noch an das zuletzt gesagte Wort erinnert, während alles davor Gesagte aus dem Gedächtnis gelöscht wird.

Was wird im Pflegeheim St. Raphael getan, um das Leben der Bewohner, die mit Demenz leben, zu erleichtern?

Wir nutzen die so genannten „Milieutherapie“. Die gesamte Demenz-Einheit entsprechend der Vergangenheit der Bewohner eingerichtet, also so wie die Menschen den wichtigsten Teil des Lebens verbracht haben. Bestes Beispiel dafür sind eine Bürosituation, eine Schreibtisch mit Schreibmaschine, ein Wohnzimmer und eine Waschküche für die Frauen. Wir „schützen“ unsere Menschen mit Demenz vor den Bewohnern, die sich selbstständig orientieren können. Wir geben ihnen quasi eine geschützte Umgebung. Die Vergangenheit hat uns gezeigt, das „gesunde“ Menschen mit Demenz oftmals verbal angreifen: „Warum hast du das vergessen? – Sind Sie nicht in der Lage, Ihre Zähne zu putzen? (…)“ Menschen mit Demenz verstehen sich untereinander sehr gut und kommen gut miteinander aus. Es gibt kaum Probleme.

Was ist Ihr konkretes Wohnraumkonzept für Menschen mit Demenz?

Die Bewohner können normal leben und ihr Verhalten zum Ausdruck bringen. Jeder Mitarbeiter kennt die Besonderheiten jedes einzelnen Bewohners und kann ihn daher jederzeit übernehmen. Jeder kann sein Verhalten ausleben und seine Gefühle frei ausdrücken. Niemand hindert sie daran, dadurch haben wir weniger Probleme, z.B. dadurch das Bewohner nicht mehr so aggressiv werden oder andauernd im ganzen Pflegeheim umherlaufen.

 

Welche Aktivitäten unternehmen Sie mit den Bewohnern?

In der Regel handelt es sich um alltägliche Aktivitäten wie das gemeinsame Kochen zu, Beispiel von Pfannkuchen mit Apfelmus oder Schnitzeln. Die Bewohner haben mehr Appetit, wenn sie zusammen kochen, und das Essen dabei riechen. Ich, als Pfleger habe das Gefühl, dass sie dabei glücklich sind und mit Freude kochen. Ansonsten planen wir Aktivitäten nach ihren Interessen. Für die Männer haben wir eine Werkstatt, in der sie Sachen reparieren oder über technische Dinge sprechen können. Jeden Sonntag gibt es eine „Trinkrunde“, nur für Männer, bei der sie 2-3 Flaschen Bier trinken. Es ist interessant zu sehen, dass einige ihr Verhalten dabei nicht ändern: Sie sprechen über ihre Frauen, Autos,…. Bewohner, die unter einer bestimmten Medikation stehen bekommen natürlich nur alkoholfreies Bier, verhalten sich dann aber auch so, als wenn sie betrunken wären. Daneben gibt es Musik-Spiele, Bewegungsspiele, gemeinsames Singen, Geschichten erzählen, Diskussionsrunden.

 

Herr stein wir danken für dieses Gespräch.

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