Sturzrisiko senken

Stürze gehören zu den häufigsten Risiken im Alter – vor allem in Pflegeheimen und im betreuten Wohnen. Ursache ist selten ein einzelner Faktor. Vielmehr kommen Muskelabbau, eingeschränkte Mobilität, Knochenschwäche und ein nicht angepasstes Umfeld zusammen. Genau hier setzen multifaktorielle Maßnahmen an.

„Ab dem 50. Lebensjahr verlieren wir jährlich etwa zwei Prozent Muskelmasse,“ verdeutlicht Personaltrainer Nurel Sisman das Dilemma. Dieser kontinuierliche Muskelschwund wirkt sich auf Gleichgewicht, Stabilität und Reaktionsvermögen aus. Sinkt die Muskelmasse mit fortschreitendem Alter weiter, greift der Körper langfristig sogar auf die Knochen zurück. Die dann einsetzende Osteoporose kann Stürze, Blutungen und Frakturen zur Folge haben.

Wie Sturzrisko senken?

Eine hohe Sturzrate bedeutet für Pflegeheime einen steigenden Pflegeaufwand, längere Rehabilitationszeiten und einen zunehmenden Verlust an Selbstständigkeit bei den Bewohnerinnen und Bewohnern. Laut einer Übersicht von Cochrane Deutschland sind Stürze einer der Hauptgründe für Verletzungen in Pflegeheimen – mit erheblichen Auswirkungen auf Personal, Kosten und Versorgungsqualität. Das beobachtet auch Nurel Sisman in seiner Praxis: Fehlt Menschen Muskelkraft, werden sie schneller immobil. Dadurch steigt der Pflegebedarf früher und intensiver.

Die Forschung weiß heute: Kombinierte Maßnahmen sind wirksamer als Einzelinterventionen. Eine Übersichtsarbeit zeigt, dass multifaktorielle Programme mit Training die Sturzrate signifikant senken können. Besonders effektiv sind Programme, die Bewegung, Supplementierung und Umfeldanpassungen verbinden.

Körperliches Training

Kraft- und Gleichgewichtstraining sind zentrale Elemente der Sturzprävention. Schon einfache Übungen wie Treppensteigen, unterstützte Kniebeugen, das Aufstehen aus dem Stuhl oder Gleichgewichtsübungen können die Stabilität und Mobilität verbessern. Nurel Sisman betont: „Training im Alter ist mindestens genauso wichtig wie in jungen Jahren – wenn nicht sogar wichtiger.“

Der Personaltrainer ist überzeugt: Auch kleine Veränderungen im Alltag können viel bewirken. Anstatt Bewegung ausschließlich in organisierte Kursformate auszulagern, plädiert er dafür, Gemeinschaftsräume in Pflegeeinrichtungen aktiver zu gestalten. „Denkbar sind niedrigschwellige Bewegungsstationen, an denen Seniorinnen und Senioren im betreuten Wohnen etwa eigenständig etwas für ihre Mobilität tun können.“

Eine fest installierte Stange zum „Aushängen“ des Rückens kann bereits sinnvoll sein. Diese Übung fördert die Beweglichkeit der Wirbelsäule und trainiert die Griffkraft, was ein wichtiger Faktor beim Senken des Sturzriskos ist. „Wer kräftig zugreifen kann, hat bessere Chancen, sich beim Stolpern festzuhalten“, so Nurel Sisman.

Ebenso einfache Lösungen wie stabile Stäbe für Schulterübungen oder gekennzeichnete Bereiche für unterstützte Kniebeugen können Bewegung in den Alltag integrieren. Entscheidend sei, dass die Angebote sichtbar und intuitiv nutzbar sind – damit aus Wartezeit Bewegungszeit wird. Ergänzend könne es sinnvoll sein, externe Trainerinnen oder Trainer einzubinden, um strukturierte Einheiten im Haus anzubieten und zusätzliche Motivation zu schaffen.

Vitamin D als Ergänzung

Neben Bewegung rückt für Nurel Sisman ein weiterer wichtiger Faktor für die Sturzprävention in den Fokus: Vitamin D. Das sogenannte „Sonnenvitamin“ spielt eine zentrale Rolle für die Knochengesundheit. „Es unterstützt den Körper dabei, Calcium aus dem Darm aufzunehmen und in die Knochen einzubauen. Das ist wichtig, um Knochenabbau und Osteoporose vorzubeugen“, so der Experte. Aus seiner Sicht ist eine Supplementierung in Kombination mit Vitamin K zur besseren Verwertung sinnvoll und eine gute Ergänzung zum Training im Alter. Das zeigt auch die Forschung: Vitamin D unterstützt die Knochengesundheit, indem es die Calciumaufnahme fördert.

Doch Nurel Sisman betont nicht nur die Bedeutung für die Knochen. Auch das Immunsystem könne profitieren, was besonders wertvoll ist, da Infekte und körperliche Schwäche im Alter schneller zu Komplikationen führen können. In der Praxis hat er erlebt, wie stark geschwächte Knochen bei Belastungen, wie beispielsweise starkem Husten, brechen können.

Über die Ernährung allein lasse sich ein optimaler Vitamin-D-Spiegel kaum erreichen, so Sisman. Zwar enthalten einzelne Lebensmittel wie fettreiche Fische, Lebertran, Eigelb, Pilze und Milch Vitamin D, doch das reicht in der Regel nicht aus, um den Tagesbedarf zu decken. Dies gilt vor allem zwischen Oktober und März, wenn die körpereigene Produktion durch UV-Strahlung eingeschränkt ist. Wer sich nicht regelmäßig und ausreichend im Sonnenlicht aufhält, sollte daher Vitamin D gezielt ergänzen – idealerweise nach Rücksprache mit einem Arzt. Denn hohe Dosen ohne medizinische Kontrolle können kontraproduktiv wirken oder Risiken bergen.

Umfeld anpassen

Auch eine moderne Pflegeinfrastruktur kann einen wichtigen Beitrag zur Senkung des Sturzrisikos leisten. Intelligente Pflegebetten sowie Sensor- und Assistenzsysteme erhöhen die Sicherheit im Alltag, indem sie Bewegungsmuster erfassen und ungewöhnliche Aktivitäten oder nächtliche Unruhe frühzeitig melden. So können Pflegekräfte schneller reagieren, bevor es zu Stürzen kommt.

Auch Telemonitoring gewinnt an Bedeutung: Trainingsfortschritte lassen sich dokumentieren, Mobilitätsveränderungen nachvollziehen und individuelle Risiken besser einschätzen. Digitale Anwendungen oder Trainingsprogramme können zusätzlich motivieren, Übungen durchzuführen und Bewegung im Alltag zu verankern. Ergänzend helfen Schulungsangebote für Pflegepersonal dabei, Sturzrisiken zu erkennen und präventiv zu handeln.

Ein entscheidender Faktor ist auch die Beinmuskulatur. Sisman erklärt: „Die Beine übernehmen bei fast allen Alltagsbewegungen die Hauptarbeit – je stärker sie sind, desto stabiler ist der ganze Körper.“

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