Bei der Filmregie „Nicht schon wieder Rudi“ (2015) scheint Regisseur Ismail Sahin und seinem Team etwas Besonderes gelungen zu sein. Eine Komödie, gefüllt mit den Themen
Freundschaft, Tiere, Liebe und auch Demenz. Spannend daran ist – alle möglichen Adressatengruppen – Betroffene und Nicht-Betroffene erleben 90 Minuten sinnvolle und sinnstiftende
Unterhaltung. Kinderfilme sind Filme, die für Kinder gedreht werden. Kindersendungen sind Formate, die sich besonders auf die spezielle Erlebenswelt von Kindern einstellen.
Und für wen sind die im Moment so gern benannten „Demenzfilme“? Es sind eben keine (Spiel)-Filme, die für Menschen mit Demenz geeignet sind, sondern sind Filme über den Verlauf der Krankheit. Filme wie „Honig im Kopf“, „Vergissmeinnicht“ und Themenfilme der öffentlichen Sendeanstalten tragen zur Aufklärung und Entstigmatisierung im günstigsten Fall bei, bieten jedoch keinen Unterhaltungs- und Erinnerungswert für Betroffene. Emotionen, Reize und positive Erinnerungen sind das Elixier jeder guten Unterhaltung. In Filmen sind diese oft gepaart mit komplexen Inhalten, schnellen Bilderabfolgen, Reizüberflutung durch Effekte und lange Dialoge. Menschen mit Demenz sind damit überfordert, wenden sich ab, gehen weg, werden unruhig oder nicken ein. Menschen mit Demenz sind als Zielgruppe noch nicht im Fokus bei Drehbuchautoren und Regisseuren. Und auch Kinobetreiber würden sich – auch bei Erkennen der Zielgruppe einschließlich deren Angehörigen bzw. professionell Pflegenden- schwer tun, adäquate Filme anzubieten. Noch ist es ein seltsames Bild in deutschen Kinos, wenn 60 pflegebedürftige Menschen mit Demenz gemeinsam ins Kino gehen und einen aktuellen Film sehen.
Das Curatorium Altern gestalten e.V. hat in Kooperation mit Ismail Sahin von Macciato Pictures einen besonderen Filmnachmittag organisiert. Es war für alle ein großartiges Erlebnis. Mit Taxen, Kleinbussen und der U-Bahn erreichten alle eingeladenen Besucher das Filmhauskino Nürnberg. Der Kinoraum war samt Begleitern ausgebucht, der freie Raum vor der Leinwand ausgefüllt mit abgestellten Rollatoren und Rollstühlen. Die beiden Rollstuhlplätze des Kinos waren begehrt. Auf Werbung wurde verzichtet, das Licht im Raum war für das Sicherheitsgefühl leicht gedimmt.

Lösungen für einen unkomplizierten und normalen Umgang mit Demenz

Der Film „Nicht schon wieder Rudi“ von Ismail Sahin, der neben den Themen Freundschaft, Gemeinschaft, Liebe, Treue und Toleranz auch „unausgesprochen“ das Thema Demenz beleuchtet, kam „trotzdem“ und vermutlich „gerade weil“ gut bei den Gästen an. Langsame Bilder, spielerische Musik, starke emotionale Dialoge, Gags im richtigen Moment, die richtige Mischung zwischen Anregung und Entspannung – diese Merkmale kennzeichnen diesen Film. Im anschließenden 30- minütigen Filmgespräch mit Regisseur Ismail Sahin wurden viele Fragen gestellt.
Erstaunlich waren im Nachgang die Beobachtungen der Begleiter/innen, die mittels eines standardisierten Fragebogens erhoben wurden. Ein wesentliches Ergebnis davon deckt sich mit Studienergebnissen einer Medienevaluation (Kuhn, Rutenkröger, 2015,Medienevaluation). Die Aufmerksamkeitsspanne und Konzentration ist in der Regel bei Menschen mit Demenz bis zu max. 25 Minuten begrenzt und erreicht bei ca. 15 Minuten ihren Höhepunkt. 98 % blieben die insgesamt mit Filmgespräch 120 Minuten entspannt im Kino sitzen. Sie wechselten
zwischen Konzentration, Kontemplation und Introvertiertheit, waren gut unterhalten und genossen die Gemeinschaft im Kino.
Doch – ist es richtig, Menschen mit Demenz mit der eigenen Krankheit zu konfrontieren? Wir sagen nach unserer Erfahrung „Ja“, wenn ein Film das Thema so sensibel wie unaufgeregt aufnimmt wie bei „Nicht schon wieder Rudi“! Im Vordergrund steht eben nicht die Erkrankung, sondern die Freundschaften und die Beziehung zu einem Hund. Der heitere Grundton und Methodik einer Komödie geben emotionalen Halt und die „gute Lösung am Schluss“ (wie ein Kinogast so herrlich kommentierte) die Erleichterung. Der Film zeigt uns Lösungen für einen unkomplizierten und normalen Umgang mit Demenz und genau das ist auch der Wunsch vieler Betroffener. Es gibt viel zu beachten von Regisseuren für ein anspruchsvolles, spezielles Kinopublikum wie heute. Ismail Sahin und seinem Team ist das hervorragend und unserer Meinung nach erstmalig in dieser besonderen Form gelungen. Ein Film – für alle Menschen
geeignet!

Quelle: Curatorium Altern gestalten e.V./ Sabine L. Distler

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