Autonomie-im-Pflegeheim

Die Autonomie der Bewohner im Pflegeheim zu wahren stellt Pflegekräfte im Alltag oft vor große Herausforderungen. Denn zwischen Fürsorge, Sicherheit und dem Respekt vor individuellen Lebensgewohnheiten gilt es, eine sensible Balance zu finden. Ob es um Ordnung im Bewohnerzimmer, familiäre Beziehungen oder Wünsche am Lebensende geht: Die Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner stehen im Mittelpunkt.

Ordnung und Sauberkeit im Bewohnerzimmer

Das Bewohnerzimmer bietet einen Raum des Rückzugs und der Privatsphäre, in dem die Regeln und Maßstäbe des Bewohners gelten, auch bzgl. Ordnung und Sauberkeit. Gisela Weingart: „Wir sind nicht die Erzieherinnen unserer Bewohner, dass wir ihnen sagen würden, dass sie aufräumen oder Sachen wegwerfen müssen.“ Ob drei Monate alte Tageszeitungen herumliegen, ist also Sache der Senioren. Benötigt wird allerdings ein freier Platz für Pflegeutensilien, damit die Pflegekräfte arbeiten können.
Die Autonomie der Senioren zu wahren, mag im Einzelfall schwerfallen, gilt aber für Pflegekräfte und Angehörige gleichermaßen. Das betrifft zudem das Maß der Möblierung, Pflanzen etc. Teppiche sind immer wieder Anlass für ausgiebige Beratungsgespräche, wenn diese gefährliche Stolperfallen bilden oder wo mangels Hygiene, insbesondere im Bad, die Gesundheit der Bewohnerin bedroht wäre.

Autonomie in Familie und Beziehungen

Ein wichtiger Grundsatz ist: Die Pflegenden geht nichts an, was im Familiensystem des Bewohners läuft oder gelaufen ist. Deshalb wird nicht bewertet, warum die Tochter den Vater so selten besucht – oder vielleicht auch gar nicht. Wollen sich Angehörige erklären, hat man in der Großheppacher Schwesternschaft in Weinstadt natürlich ein offenes Ohr und verweist gegebenenfalls auf das ehrenamtliche Seelsorgeteam.

Cilia Benedikt-Straub

Tätig wird das Personal nur, wenn vom Bewohner selbst dazu ein Impuls kommt und er etwa sagt: „Ich hätte so gerne, dass mich mein Sohn mal besucht“ oder „Ich würde mich gerne mit meiner Enkelin aussprechen.“ Dann kontaktiert das Haus die Betreffenden, übermittelt den Wunsch der Senioren und gibt auf Wunsch eine persönliche Einschätzung.
Cilia Benedikt-Straub, Beraterin für gesundheitliche Versorgungsplanung, sensibilisiert die Mitarbeiter für diese Situationen und ihre Rolle als Pflegende, damit sie nicht eigeninitiativ werden, wo sie kein Mandat haben. Die Fachfrau: „Das ist vor allem für Mitarbeiterinnen oft nur sehr schwer auszuhalten, bei denen die eigene Familie und die Harmonie dort eine große Rolle spielen.“  

Beratung zum Lebensende

Was den Bewohnern in ihrer Sterbensphase bis hin zum Tod wichtig ist, recherchiert und erfragt Fachberaterin Cilia Benedikt-Straub bei den Bewohnern in Weinstadt. Das erste Gespräch dazu erfolgt kurz nach dem Einzug, wenn die Senioren gerade angekommen und dazu bereit sind. „Gibt es bereits eine Patientenverfügung oder -vollmacht, ist das ein Indiz, dass sich die Betroffene mit dem Thema schon befasst hat,“ sagt die Fachfrau. Da auch hier Freiwilligkeit der Maßstab allen Handelns ist, bedrängt die Beraterin niemanden, sondern wiederholt im Zweifelsfall Monate später ihre Einladung zum Gespräch darüber.
Dabei geht es um Fragen wie: Wer soll unbedingt noch ans Sterbebett kommen?
Und wer auf gar keinen Fall! Gibt es den Wunsch nach einem Seelsorger, nach Ritualen, welchen? Gibt es bevorzugte Farben, Düfte, Musik oder Lieder? Soll viel oder weniger medizinischer Aufwand betrieben werden, um das Leben zu erhalten? Cilia Benedikt-Straub: „Oft sind Angehörige bei diesen Gesprächen dabei und bilden eine wertvolle Brücke, sich diesen Themen zu nähern.“
Sämtliche Gesprächsergebnisse werden bei der Großheppacher Schwesternschaft protokolliert und die Erlaubnis erfragt, ob man dieses Dokument auch dem Hausarzt zukommen lassen darf. Als Hintergrund: In Weinstadt leben die Bewohner im Pflegeheim bislang zwischen wenigen Tagen und vielen Jahren bis zu ihrem Tod.     

Lesen Sie auch den 1. Teil zur Selbstbestimmung von Heimbewohnern, in dem es um Essen und Trinken, Körperpflege und Hygiene, Kosten und Ansprüche sowie die Rolle der Angehörigen ging.

Foto Titel: René Schwerdtel

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