Selbstbestimmung

Die Selbstbestimmung wird erschwert, wenn Vater oder Mutter im Pflegeheim die Kräfte schwinden. Angehörige und Pflegekräfte sind dann zunehmend gefordert, Wunsch und Willen der Bewohner zu recherchieren – und zu respektieren. Gisela Weingart, Qualitätsbeauftragte der Großheppacher Schwesternschaft, die in Weinstadt in einem Pflegeheim mit 67 Betten mit angeschlossener Pflegefachschule arbeitet, sowie Cilia Benedikt-Straub, Beraterin für gesundheitliche Versorgungsplanung, geben Tipps zum Umgang mit den Bewohnern.

Essen und Trinken

Respektieren Sie, wenn die Seniorin nicht essen will. Auch dann, wenn sie Gewicht verliert. Klären Sie aber zuvor etwaige Ursachen wie Erkrankungen, Zahnstatus, Wunschkost oder Zwischenmahlzeiten. Denn die Gründe können viele sein: Kein Hungergefühl, kein Geschmack mehr etc. Beim Trinken ist es ähnlich. Und weil ein Pflegeheim keine alkoholfreie Zone ist, könne man sehen, ob die Bewohnerin nur kein Wasser und keinen Tee will, einen Saft, ein Glas Wein oder ein Bier hingegen aber sehr wohl. Das müsse auch im Speisesaal möglich sein, weil immer die Bedürfnisse der Senioren im Vordergrund stehen.

Cilia Benedikt-Straub
Cilia Benedikt-Straub

Wertvoll sind biographische Hinweise, ob jemand zum Beispiel gerne Most getrunken hat, Sahne in seinen Kaffee möchte oder schon immer wenig getrunken hat. Schon Kleinigkeiten können hier den Unterschied machen. Und medizinische Folgen von zu wenig Trinken oder Essen werden immer mit der Bewohnerin, deren Angehörigen und dem Hausarzt besprochen. Fachfrau Cilia Benedikt-Straub: „Wir akzeptieren auch, wenn jemand das Nicht-Trinken nach eingehenden Beratungsgesprächen als seinen persönlichen Abbauprozess begreift.“

Selbstbestimmung in Körperpflege und Hygiene

Bei diesem Thema helfen biographische Recherchen: Wer hat welche Pflegeprodukte und Marken verwendet? Was sind die individuellen Ansprüche an Körperhygiene und -pflege? Hier ist eine hohe Toleranz des Personals gefragt, das erst bei Abweichungen in die Verwahrlosung oder in einen Reinlichkeitsfimmel gefordert ist. Gisela Weingart: „Allmählich kommt die Generation der täglichen Duscher in unseren Häusern an.“ Vertraglich zugestanden seien zwei Duschhilfen pro Woche.
Selbstverständlich sei, „dass gepflegte Damen auch bei uns wöchentlich zum Friseur gehen oder ihn kommen lassen können.“ Dasselbe gilt bei täglich wechselndem Schmuck, den eine Bewohnerin tragen möchte, der Intensität ihres Parfüms oder der Fingernagelpflege. Auch ist zu berücksichtigen, wenn Bewohner nur von Personen ihres Geschlechts gewaschen werden wollen. Eingehende Gespräche werden notwendig, wenn jemand etwa seine Kleidung insbesondere Unterwäsche partout nicht wechseln und waschen lassen will.     

Kosten und Ansprüche

Da ein Pflegeheimplatz mittlerweile sehr teuer ist, kommt es immer wieder vor, dass Bewohnerinnen daraus bestimmte Forderungen und Ansprüche an das Personal ableiten oder sich auf ihre Angehörigen berufen: „Mein Sohn hat aber gesagt, dass Sie das machen müssen!“ Dann ist es hilfreich, so die Fachfrauen, den Senioren zu erklären, wie sich die Kosten aus Wohnen, Verpflegung und Pflege zusammensetzen und dass sich das Personal nicht bereichert. Cilia Benedikt-Straub: „Hilfreich ist oft, die Kosten und Erwartungen mit den Angehörigen zu besprechen, die dann idealerweise nicht mehr aufwiegeln, sondern vermitteln.“
Schließlich umfasst der Service von der Haustechnik über Putzdienst und Wäscherei bis zum Koch an allen Stellen Profis, die von ihren Gehältern ihre Familien ernähren wollen und müssen. Günstig ist in diesem Kontext, auf die vielen Angebote zu verweisen zum Mitkochen, zur Gymnastik, Sing- oder Bastelstunde bis zur Yoga-Gruppe und Ausflügen.

Selbstbestimmung – Appell an die Angehörigen

Um die Selbstbestimmung der Senioren zu wahren, müssen meist auch die Angehörigen sensibilisiert werden. Denn gerade, weil der Heimplatz so teuer ist, neigen Kinder oft dazu, ihre betagten Eltern zu bedrängen: „Mama, Du musst da mitmachen!“ lautet dann eine Forderung, die einer Entmündigung gleichkommt. Vielleicht möchte die alte Mutter aber nur dabeisitzen und zuschauen oder zuhören. Weingart: „Das ist völlig okay, weil gerade im Alter die Müdigkeit zunimmt.“ Immer wieder hört sie von alten Frauen, sie hätten in ihrem Leben genug geputzt, gekocht und gewerkelt und nun wollten sie einfach nichts mehr tun müssen.

Das Beispiel zeigt, dass das Personal gefordert ist, sehr genau hinzuschauen und hinzuhören. Bei der Großheppacher Schwesternschaft gibt es deshalb eine regelmäßige Betreuungsvisite, die das Augenmerk genau darauflegt: Passt das Gruppenangebot für die Einzelne noch bzgl. Inhalt, Dauer, Lautstärke, Erreichbarkeit oder Grad der Beteiligung? Im Einzelfall kann nachjustiert werden, dass es wieder passt.

Lesen Sie in der nächsten Folge den 2. Teil dieses Servicebeitrags zur Autonomie von Heimbewohnern, wenn es um Sexualität, Sterben und Angehörige geht.

Foto: René Schwerdtel

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